Miles Davis’ Komposition „So What“ ist weit mehr als nur das berühmte Eröffnungsstück seines legendären Albums Kind of Blue von 1959. Der Song gilt als eine der wichtigsten und einflussreichsten Aufnahmen nicht nur im Werk von Miles Davis, sondern in der gesamten Jazzgeschichte. Besonders bemerkenswert ist die Rolle von „So What“ in der Entwicklung des Modal Jazz, der sich ausdrücklich von den bis dahin dominierenden harmonischen Strukturen des Bebop und Hardbop absetzt.
In diesem Beitrag beleuchten wir die Bedeutung von „So What“, analysieren dessen musikalische Strukturen und geben Einblicke in die Hintergründe der Entstehung und der Wirkung dieses zeitlosen Jazz-Klassikers.
Die Entstehung von „So What“
Kontext und Hintergrund
„So What“ wurde im Jahr 1959 von Miles Davis gemeinsam mit seiner legendären Sextett-Besetzung eingespielt. Die Aufnahme erfolgte in einer Phase der musikalischen Umwälzungen: Miles Davis suchte nach neuen Ausdrucksformen jenseits der komplizierten Akkordfolgen des Bebop und wurde maßgeblich von neuen musiktheoretischen Konzepten beeinflusst, insbesondere George Russells „Lydian Chromatic Concept of Tonal Organization“. Zusammen mit Pianist Bill Evans und Arrangeur Gil Evans entwickelten sie ein Konzept von Jazz, das sich auf wenige tonale Zentren und freie Improvisation stützte.
Die Musiker hinter „So What“
Für die Aufnahme von „Kind of Blue“ – und damit auch von „So What“ – holte Miles Davis eine außergewöhnliche Band zusammen:
- Miles Davis (Trompete)
- John Coltrane (Tenorsaxophon)
- Cannonball Adderley (Altsaxophon)
- Bill Evans (Piano, außer auf „Freddie Freeloader“, dort: Wynton Kelly)
- Paul Chambers (Kontrabass)
- Jimmy Cobb (Schlagzeug)
Diese Musiker prägten nicht nur den Sound des Albums, sondern sorgten mit ihrem individuellen Spiel für die charakteristische Atmosphäre von „So What“.
Die Bedeutung von „So What“
Was bedeutet der Titel „So What“?
Der Titel „So What“ lässt sich als ein Statement Miles Davis’ deuten – gleichgültig, unbeeindruckt, entspannt. Diese lässige Haltung spiegelt sich auch im musikalischen Charakter des Stücks wider. Kritiker sehen „So What“ daher oft als Verkörperung des Cool Jazz, aber mit einer subversiven, fast rebellischen Note.
„Selbst im Titel schwingt eine coole Lässigkeit mit. Es ist, als würde Davis die Ernsthaftigkeit des Jazz mit einem Schulterzucken kommentieren.“
Musikalische Analyse von „So What“
Form und Harmonische Struktur
„So What“ beruht auf einer AABA-Form mit insgesamt 32 Takten: 16 Takte A, 8 Takte B und nochmals 8 Takte A. Anders als im traditionellen Jazz gibt es hier jedoch keine ausgeklügelten Akkordwechsel – vielmehr bewegt sich das Stück in den Modi D Dorian (A-Teil) und E♭ Dorian (B-Teil).
Modal Jazz
Mit der Vereinigung auf nur zwei Modi erhalten die Solisten weit mehr kreative Freiheiten, als sie typische Jazzstandards bieten:
- A-Teil: D Dorian
- B-Teil: E♭ Dorian
Der Wechsel zum E♭ Dorian im B-Teil („Bridge“) verleiht dem Stück seinen markanten Charakter – dabei wird anstelle von Akkordprogressionen über Tonleitern improvisiert.
Der „So What“-Akkord
Typisch für „So What“ ist auch der sogenannte „So What“-Akkord, eine besondere Voicing-Technik, zuerst von Bill Evans gespielt. Dieses Quart-Voicing (aufgebaut aus Quarten und einer großen Terz) wurde später von anderen Jazzmusikern in ihrer Harmonik aufgegriffen (u.a. bei John Coltranes „Impressions“).
Melodie, Riff und Rhythmus
Das Stück beginnt mit dem legendären Call-and-Response:
- Der Kontrabass von Paul Chambers spielt zunächst eine eingängige „Frage“ (Aufwärtspassage).
- Bill Evans (Piano) antwortet mit zwei charakteristischen Akkorden.
Dieser Wechsel setzt die Grundstimmung des Stücks und definiert die harmonische Basis für die nachfolgenden Improvisationen.
Durch den repetitiven Charakter (Ostinato) und das moderate Tempo erzeugt „So What“ eine hypnotische, relaxte und doch spannungsgeladene Atmosphäre.
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Die Bedeutung von „Kind of Blue“ und „So What“ für den Jazz
„Kind of Blue“ – das Album, auf dem „So What“ erscheint – wird weltweit als eine der bedeutendsten Jazzveröffentlichungen aller Zeiten gefeiert. Über fünf Millionen verkaufte Exemplare allein in den USA und der Einfluss auf Generationen von Musikern sprechen für sich.
„So What“ steht exemplarisch für den Übergang vom traditionellen Jazz zum modernen, offenen Stil. Es markiert die Abkehr von der Akkordlastigkeit hin zu melodischer Freiheit und improvisatorischer Neuerfindung – ein Meilenstein für die Entwicklung des modernen Jazz.
Die Soli: Kreativität und Individualität
Jeder der Musiker erhält in „So What“ ausgedehnte Soli, beginnend mit Miles Davis, gefolgt von John Coltrane, Cannonball Adderley und Bill Evans. Dabei werden unterschiedliche Spielansätze sichtbar:
- Davis: Melodisch, reduziert, mit klarem Raum zwischen den Phrasen
- Coltrane: Dicht, skalargestützt, virtuos
- Adderley: Lyrisch, singend, mit souligem Ton
- Evans: Harmonisch abstrakt, mit überraschenden Dissonanzen
Die rhythmische Begleitung bleibt dabei stets zurückhaltend und schafft ein offenes Klangfeld, das improvisatorisch gefüllt werden kann.
Live-Versionen und Weiterentwicklung
Nach der Veröffentlichung spielte Miles Davis „So What“ zeitlebens in seinem Repertoire. Besonders bemerkenswert sind schnellere Live-Versionen in den 1960er-Jahren, bei denen das Stück ein ganz neues Temperament entwickelt. Dabei wurde der Charakter von „So What“ immer wieder neu ausgelotet und weiterentwickelt.
Interessante Fakten und Kurioses
- Gil Evans, ein enger Freund und musikalischer Partner von Miles Davis, komponierte die bekannte Einleitung des Stücks.
- Der „So What“-Akkord wurde zu einem Standard in der Jazzharmonik.
- „So What“ war nicht nur musikalisch bedeutend, sondern ein Statement gegen starre musikalische Formen.
- Die Musiker setzten auf „first takes“, also spontane Aufnahmen ohne viele Wiederholungen, um die Frische und Spontaneität zu erhalten.
- Das Magazin Rolling Stone listete „So What“ 2024 in den „500 Greatest Songs of All Time“.
- Das Album Kind of Blue hat zahlreiche Musiker unterschiedlicher Genres beeinflusst – von Rockstars bis zu Hip-Hop-Produzenten.
„So What“ von Miles Davis ist ein epochales Werk der Jazzgeschichte. Es revolutionierte den Umgang mit Harmonik und Improvisation, gab dem Jazz eine neue Richtung und begeistert bis heute Hörer und Musiker weltweit. Die scheinbare Einfachheit des Stücks verbirgt tiefgründige musikalische Konzepte, die Generationen von Musikern inspiriert und beeinflusst haben.
Quellen
- https://en.wikipedia.org/wiki/So_What_(Miles_Davis_composition)
- https://jazzlanguageworkbooks.com/so-what-miles-davis-analysis/
- https://lkellunis.weebly.com/analysis-of-miles-davis-so-what.html
- https://jmeshel.com/079-miles-davis-so-what-kind-of-blue/
- https://www.ethanhein.com/wp/2020/so-what/
- https://kgumusic.com/blogs/news/here-are-10-interesting-facts-about-miles-davis
- https://en.wikipedia.org/wiki/Miles_Davis
- https://blog.oup.com/2007/01/its_about_that_/
- https://www.songfacts.com/facts/miles-davis/so-what
- https://agnionline.bu.edu/essay/when-it-was-new-miles-daviss-so-what/
- https://www.mentalfloss.com/article/80448/10-kind-blue-facts-about-miles-davis
- https://former-students.imperial.edu/41-buzz/Book?ID=eRJ77-5311&title=miles-davis-so-what-analysis.pdf
- http://www.stevekhan.com/sowhata.htm
- https://robertjusticebooks.com/blog/so-what
