Der Existentialismus ist eine philosophische Bewegung, die den Fokus auf die individuelle Existenz des Menschen legt und betont, dass das Leben keinen vorgegebenen Sinn oder Zweck hat. Stattdessen ist es die Aufgabe des Einzelnen, durch seine Handlungen, Entscheidungen und die bewusste Gestaltung seines Lebens einen eigenen Sinn zu schaffen. Ein zentraler Leitsatz des Existentialismus, formuliert von Jean-Paul Sartre, lautet: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“ Dies bedeutet, dass der Mensch zunächst existiert und erst durch sein Handeln definiert wird, ohne dass eine vorgegebene Natur oder ein festgelegtes Wesen seine Identität bestimmt.
Im Gegensatz zum Essentialismus, der davon ausgeht, dass Objekte oder Menschen eine unveränderliche Essenz besitzen, die ihre Identität bestimmt, argumentiert der Existentialismus, dass der Mensch frei ist, sich selbst zu definieren. Diese Freiheit bringt jedoch auch eine immense Verantwortung mit sich, da der Einzelne für seine Entscheidungen und deren Konsequenzen verantwortlich ist. Diese Idee der radikalen Freiheit ist sowohl befreiend als auch belastend, da sie den Menschen mit der Herausforderung konfrontiert, in einer scheinbar sinnlosen Welt Bedeutung zu finden.
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Hauptmerkmale des Existentialismus

Der Existentialismus zeichnet sich durch mehrere zentrale Merkmale aus, die seine Philosophie prägen:
- Individuelle Freiheit und Verantwortung: Der Mensch ist frei, sein Leben selbst zu gestalten, trägt jedoch die volle Verantwortung für seine Entscheidungen. Diese Freiheit wird oft als „Verurteilung zur Freiheit“ beschrieben, da sie keine Ausreden oder vorgegebenen Regeln zulässt.
- Absurdität: Die Welt an sich ist laut Existentialisten sinnlos oder absurd. Der Mensch sucht nach Bedeutung, findet jedoch keine vorgegebene Ordnung oder einen universellen Sinn, was zu existenziellen Krisen führen kann.
- Angst und Verzweiflung: Die Konfrontation mit der Freiheit und der Sinnlosigkeit der Welt führt oft zu Angst („Angst“ im Sinne von Kierkegaard) oder Verzweiflung, da der Mensch erkennt, dass er allein für die Schaffung von Sinn verantwortlich ist.
- Authentizität: Ein authentisches Leben zu führen bedeutet, Entscheidungen bewusst zu treffen und Verantwortung für das eigene Dasein zu übernehmen, anstatt sich von gesellschaftlichen Normen oder äußeren Zwängen leiten zu lassen.
- Ablehnung systematischer Philosophien: Existentialisten kritisieren traditionelle, systematische Philosophien, die versuchen, die menschliche Existenz in abstrakte Konzepte oder Kategorien zu pressen. Stattdessen betonen sie die konkrete, individuelle Erfahrung.
Geschichte des Existentialismus
Ursprünge im 19. Jahrhundert

Obwohl der Begriff „Existentialismus“ erst im 20. Jahrhundert geprägt wurde, finden sich seine Wurzeln im 19. Jahrhundert, insbesondere in den Werken von Søren Kierkegaard und Friedrich Nietzsche. Kierkegaard, oft als „Vater des Existentialismus“ bezeichnet, betonte die subjektive Erfahrung des Individuums und die Notwendigkeit, sich in einer Welt ohne absolute Gewissheiten zu behaupten. Sein Konzept der „Angst“ beschreibt die existenzielle Unsicherheit, die aus der Freiheit und der Verantwortung des Individuums resultiert. In seinem Werk Die Krankheit zum Tode untersucht er die Verzweiflung, die entsteht, wenn der Mensch sich selbst nicht authentisch lebt.
Friedrich Nietzsche wiederum proklamierte den „Tod Gottes“ (Die fröhliche Wissenschaft), womit er den Verlust traditioneller Werte und Glaubenssysteme in der modernen Welt beschrieb. Seine Idee des „Übermenschen“ fordert den Einzelnen auf, eigene Werte zu schaffen und über die Einschränkungen traditioneller Moral hinauszugehen. Beide Denker legten den Grundstein für die späteren existentialistischen Ideen, indem sie die Bedeutung der individuellen Existenz und den Verlust eines universellen Sinns betonten.
Blütezeit im 20. Jahrhundert
Der Existentialismus als Bewegung gewann im 20. Jahrhundert, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, an Bedeutung. Die Schrecken des Krieges, die Zerstörung und der Verlust von Orientierung führten dazu, dass viele Menschen nach neuen Wegen suchten, um Sinn in einer zerrütteten Welt zu finden. In Frankreich wurde der Existentialismus durch Denker wie Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus populär.
Sartre, der wohl bekannteste Vertreter des Existentialismus, formulierte in seinem Essay Der Existentialismus ist ein Humanismus (1946) die Grundprinzipien der Bewegung. Er betonte, dass der Mensch in eine Welt „geworfen“ ist, in der er selbst für die Schaffung von Sinn verantwortlich ist. Simone de Beauvoir, seine Lebensgefährtin, trug mit ihrem Werk Das andere Geschlecht zur existentialistischen Philosophie bei, indem sie die Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums auf Geschlechterfragen anwandte und so den Grundstein für den existenzialistischen Feminismus legte.
Albert Camus, obwohl er sich selbst nicht als Existentialisten bezeichnete, wird oft mit der Bewegung in Verbindung gebracht. In seinem Werk Der Mythos des Sisyphos entwickelt er die Philosophie des Absurden, die die Spannung zwischen dem menschlichen Wunsch nach Sinn und der Sinnlosigkeit der Welt thematisiert. Camus schlägt vor, dass der Mensch durch die Akzeptanz des Absurden und die bewusste Entscheidung, weiterzuleben, eine Form von Revolte gegen die Sinnlosigkeit praktizieren kann.
Philosophische Grundlagen

Christlicher und atheistischer Existentialismus
Der Existentialismus lässt sich in zwei Hauptströmungen unterteilen: den christlichen und den atheistischen Existentialismus.
- Christlicher Existentialismus: Vertreten durch Denker wie Søren Kierkegaard und Gabriel Marcel, betont diese Strömung, dass der Mensch in einer Beziehung zu Gott Sinn finden kann. Kierkegaard sah den Glauben als einen „Sprung ins Absurde“, der es dem Einzelnen ermöglicht, die Grenzen rationalen Denkens zu überwinden und eine tiefere existenzielle Wahrheit zu finden.
- Atheistischer Existentialismus: Diese Strömung, vertreten durch Sartre, Heidegger und Camus, lehnt die Existenz eines Gottes ab und betont die absolute Freiheit des Menschen in einer Welt ohne vorgegebene Bedeutung. Sartre argumentierte, dass der Mensch „zur Freiheit verdammt“ ist, da er ohne göttliche Orientierung selbst für die Schaffung von Werten und Sinn verantwortlich ist.
Einfluss der Phänomenologie
Die Existenzphilosophie, aus der der Existentialismus hervorging, wurde stark von der Phänomenologie beeinflusst, insbesondere durch die Arbeiten von Edmund Husserl und Martin Heidegger. Die Phänomenologie zielt darauf ab, die unmittelbare Erfahrung der Welt zu beschreiben, ohne sie durch vorgefertigte Konzepte zu verzerren. Heidegger, in seinem Werk Sein und Zeit, untersucht das „Dasein“ – die menschliche Existenz – und betont, dass der Mensch immer in einer konkreten, historischen und sozialen Welt existiert. Diese Idee der „Geworfenheit“ – dass der Mensch in eine Welt hineingeboren wird, die er nicht kontrolliert – ist ein zentrales Konzept des Existentialismus.
Der Existentialismus und die Kunst

Der Existentialismus hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf die Kunst, insbesondere auf die Literatur, das Theater und die bildende Kunst. Künstler und Schriftsteller nutzten die existentialistischen Themen, um die Isolation, die Sinnsuche und die Freiheit des Individuums in einer modernen, oft entfremdenden Welt darzustellen.
Existentialismus in der Literatur
Die Literatur war ein zentrales Medium für die Verbreitung existentialistischer Ideen. Jean-Paul Sartre und Albert Camus verarbeiteten ihre philosophischen Konzepte in Romanen und Theaterstücken, die die existenziellen Herausforderungen des modernen Menschen darstellen.
- Jean-Paul Sartre: In seinem Roman Der Ekel (1938) beschreibt Sartre die existenzielle Krise des Protagonisten Antoine Roquentin, der mit der Sinnlosigkeit der Welt und seiner eigenen Existenz konfrontiert ist. Sein Theaterstück Geschlossene Gesellschaft (1944) zeigt drei Figuren, die in einer Hölle gefangen sind, die durch ihre eigenen Entscheidungen und Beziehungen definiert wird, und illustriert das Konzept, dass „die Hölle die anderen sind“.
- Albert Camus: Camus’ Roman Der Fremde (1942) stellt die Figur Meursault dar, die mit einer gleichgültigen Haltung gegenüber gesellschaftlichen Normen und der Absurdität des Lebens konfrontiert ist. Sein Werk Der Mythos des Sisyphos verbindet philosophische Überlegungen mit literarischen Elementen, um die Idee der Revolte gegen das Absurde zu illustrieren.
- Simone de Beauvoir: In ihren Romanen wie Sie kam und blieb erforscht de Beauvoir die Themen Freiheit, Verantwortung und zwischenmenschliche Beziehungen aus einer existentialistischen Perspektive, oft mit einem Fokus auf Geschlechterrollen.
Existentialismus in der bildenden Kunst
In der bildenden Kunst spiegeln sich existentialistische Themen in der Darstellung von Isolation, Entfremdung und der Suche nach Identität wider. Künstler wie Edward Hopper und Francis Bacon schufen Werke, die die existenzielle Einsamkeit des modernen Menschen einfangen.
- Edward Hopper: Hoppers Gemälde wie Nighthawks (1942) zeigen isolierte Figuren in urbanen Umgebungen, die die Entfremdung und Leere des modernen Lebens widerspiegeln. Seine Werke laden den Betrachter dazu ein, über die eigene Existenz und den Sinn des Lebens nachzudenken.
- Francis Bacon: Bacons expressive, oft verstörende Gemälde, wie seine Studie nach Velázquez’ Porträt von Papst Innozenz X., erforschen die Zerbrechlichkeit und Angst des menschlichen Daseins, was eng mit existentialistischen Themen verbunden ist.
Existentialismus im Theater
Das existentialistische Theater, insbesondere das „Theater des Absurden“, wurde stark von der Philosophie des Existentialismus beeinflusst. Dramatiker wie Samuel Beckett und Eugène Ionesco schufen Werke, die die Absurdität des Lebens und die Sinnsuche des Individuums darstellen.
- Samuel Beckett: In seinem Stück Warten auf Godot (1953) zeigt Beckett zwei Figuren, die in einer scheinbar sinnlosen Welt auf eine mysteriöse Figur warten, die nie erscheint. Das Stück verkörpert die Absurdität und die existenzielle Ungewissheit, die zentrale Themen des Existentialismus sind.
- Eugène Ionesco: Ionescos Stücke wie Die kahle Sängerin thematisieren die Sinnlosigkeit der Kommunikation und die Absurdität des modernen Lebens, was die existentialistische Idee der fehlenden universellen Ordnung widerspiegelt.
Kritik und Rezeption

Der Existentialismus hat sowohl Bewunderung als auch Kritik hervorgerufen. Kritiker werfen der Bewegung vor, dass sie ein pessimistisches Weltbild fördert, indem sie die Sinnlosigkeit der Welt betont. Insbesondere die katholische Kirche und konservative Denker kritisierten den atheistischen Existentialismus für seine Ablehnung göttlicher Werte. Kommunistische Philosophen wiederum warfen Sartre vor, dass sein Fokus auf individuelle Freiheit die kollektive Verantwortung vernachlässige.
Dennoch verteidigten Existentialisten wie Sartre ihre Philosophie als optimistisch, da sie den Menschen die Möglichkeit gibt, aktiv Sinn zu schaffen und ein authentisches Leben zu führen. Der Einfluss des Existentialismus auf die Nachkriegszeit, insbesondere auf die Studentenbewegungen der 1960er Jahre, zeigt seine Relevanz für die Förderung von Selbstbestimmung und gesellschaftlichem Wandel.
Fazit
Der Existentialismus ist eine tiefgründige philosophische Bewegung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und ihn dazu auffordert, in einer Welt ohne vorgegebenen Sinn Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Durch seine Betonung von Freiheit, Authentizität und der Absurdität des Daseins hat der Existentialismus nicht nur die Philosophie, sondern auch die Literatur, Kunst und das Theater nachhaltig geprägt. Von Kierkegaards christlichem Existentialismus bis zu Sartres atheistischer Perspektive bietet diese Philosophie eine Vielzahl von Ansätzen, um die Herausforderungen des menschlichen Lebens zu verstehen.
Die Kunst, insbesondere die Literatur und das Theater, hat die existentialistischen Themen auf eindrucksvolle Weise aufgegriffen, indem sie die Isolation, die Sinnsuche und die Freiheit des Individuums dargestellt hat. In einer Zeit, in der die Welt zunehmend komplexer und unübersichtlicher wird, bleibt der Existentialismus eine relevante Perspektive, die uns dazu ermutigt, bewusst und authentisch zu leben.
Quellen
- Existentialism. Wikipedia (Englisch). https://en.wikipedia.org/wiki/Existentialism
- Aesthetic Theory. Wikipedia (Englisch). https://en.wikipedia.org/wiki/Aesthetic_Theory